Wie Trauma und Schmerzen zusammenhängen
Lange Zeit war mir der Zusammenhang zwischen Trauma und Schmerzen nicht bewusst. Obwohl ich seit knapp drei Jahren eine körperorientierte Traumatherapie mache, in der ich gelernt habe mit Körperempfindungen und Gefühlen umzugehen. Dass es Parallelen zwischen meinem Trauma und meinen chronischen Schmerzen geben könnte ahnte ich lange nicht.
In einer Schmerzphase fühle ich mich oft hilflos und ohnmächtig meinem Körpergeschehen ausgeliefert. Ich habe wenig Kontrolle über meine starken Schmerzen, da Medikamente wenig helfen. Ab einem bestimmten Punkt gerate ich unter so großen Stress, dass ich mehrere Tage brauche um wieder durchschlafen, entspannen und klar denken zu können.
Es fühlt sich an, als wären mit den Schmerzen die gleichen Gefühle verknüpft wie mit meinem Trauma. Eine zugleich spannende, aber auch erschreckende Erkenntnis. Warum und wie Trauma und Schmerzen tatsächlich zusammenhängen, erfährst du in diesem Beitrag.
Schmerz lass nach
Ohne Schmerzen zu leben, klingt paradiesisch. Doch akute Schmerzen dienen als Alarmsignal, ohne Schmerzempfinden liefen wir Gefahr uns selbst schwer zu verletzen. An einer heißen Pfanne, zum Beispiel. Leider ist dieses Prinzip nicht allgemeingültig, denn wiederholte Schmerzen führen zu einem Lerneffekt im Nervensystem: Unsere Schmerzschwelle sinkt, ein deutlich geringer Reiz verursacht jetzt bereits eine heftige Reaktion.
Der Schmerz verselbstständigt sich, schreibt Dr. Brigitte Osterath in Ihrem Artikel „Die Kehrseite des Gedächtnisses“. Er bewirkt Veränderungen, die den Schmerz in Form eines sogenannten Schmerzgedächnisses aufrechterhalten. Ähnlich wie bei Stress, der mit traumatische Erfahrungen verknüpft ist, ist die akute Gefahr bei chronischen Schmerzen längst vorbei, das Gehirn hält aber daran fest.
Für das Gehirn gilt: Schmerz ist Schmerz
In dem Kapitel „Schmerz und Schmerztherapie nach schweren Traumatisierungen“ des Buches „Verteidigung der Menschenwürde“ befassen sich die Autoren Traue, Jerg-Bretzke und Hrabal mit dem Zusammenhang zwischen Trauma und Schmerzen.
Laut den Autoren leiden von Trauma betroffene Patienten allein schon durch die neurobiologische Nähe und Ähnlichkeit bei der Verarbeitung körperlicher und psychischer Schmerzreize im Gehirn oft unter Schmerzen. Für das Gehirn macht es keinen Unterschied was den Schmerz verursacht.
Auch die Art des Traumas ist laut den Autoren mitentscheidend für die Schmerzentstehung: Psychische Traumatisierungen gehen im Allgemeinen mit einer höheren Vulnerabilität (Verletzbarkeit) im Hinblick auf Schmerzen einher als körperliche Traumata, die eher zu körperlichen Beschwerden und spezifischen Schmerzphänomenen führen.
Ein Beispiel ist die Fibromyalgie, bei der als Auslöser eine gestörte Verarbeitung von Reizen im Gehirn angenommen wird. Geringe Reize reichen aus um als Schmerzen wahrgenommen zu werden.
Studien zur Folge gibt es bei Betroffenen häufig belastende oder traumatische Erlebnisse in der Vorgeschichte. Ursache scheint eine Kombination aus körperlichen, psychischen und biologischen Einflussfaktoren zu sein, die alle bei der Behandlung zu berücksichtigen sind.
Schmerzen sind unvermeidlich. Leiden ist optional.
– Haruki Murakami
Hormone auf Abwegen
Durch ein nicht bearbeitetes Trauma gerät das Nervensystem dauerhaft aus dem Gleichgewicht. Das sich auf Ebene der Stresshormone als Dysregulation des körpereigenen Opioidsystems. Opioide sind Stoffe, die im Zusammenhang mit der Stressregulation ausgeschüttet werden und zur Unterdrückung von Schmerz- oder Hungerreizen dienen.
Sind diese als Folge der Dauerbelastung erschöpft, kommt es laut Traue, Jerg-Bretzke und Krabal, zu einer Schmerzüber- bzw. Schmerzunterempfindlichkeit oder alternativ zu Schwankungen zwischen beiden Extremen.
Der ursprünglich vorgesehene Mechanismus zur Bewältigung von Schmerzen (=Ausschüttung körpereigener Opioide) versagt, die Schmerzwahrnehmung wird gestört. Ein durch Trauma chronisch erhöhtes Stressniveau beeinflusst dadurch unsere Wahrnehmung von Schmerzen.
Inzwischen konnte auch belegt werden, dass schmerzhafte Erfahrungen im sozialen Miteinander ähnlich verarbeitet werden wie akute körperliche Schmerzen. Gerade für Menschen mit Entwicklungstraumata, für die Kontakt eine große Herausforderung darstellt, kann das unter Umständen zusätzliches Leid bedeuten. Sie tendieren ohnehin dazu sich unverstanden, anders oder als nicht zugehörig zu empfinden. Durch sozialen Rückzug können sie im wahrsten Sinne des Wortes unter Einsamkeit und Isolation leiden.
Die Angst vor dem Schmerz
„Eine Folge häufiger Schmerzen bei PTBS ist die Erwartung neuer Schmerzen,“ sagen Traue, Jerg-Bretzke und Hrabal. Allein die Vorstellung von Schmerzen kann bestimmte Bahnen im Gehirn aktivieren, die zu einer Schmerzwahrnehmung führen, ohne dass ein Schmerzreiz vorhanden ist.
Umso wichtiger ist laut den Autoren ein fächerübergreifender Ansatz im Umgang mit chronischen Schmerzen, der Körper und Psyche gleichermaßen einbezieht und die Selbstwirksamkeit der Patienten stärkt.
Etwas, was ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen kann. Seit ich verstanden habe, dass ich durch gezielte Entspannung meine Schmerzen ein Stück beeinflussen kann, also mein Schicksal selbst in der Hand habe, geht es mir besser.
Auch wenn die Schmerzen regelmäßig wiederkehren, habe ich das Gefühl mehr Kontrolle über meinen Körper zu haben. Ich fühle mich weniger hilflos und ohnmächtig, was wiederum mein körperliches Stressempfinden verbessert.

Trauma, Körper und Schmerzen
Laut Claudia Erdmann gibt es einen engen Zusammenhang zwischen chronischen Schmerzen und Traumafolgestörungen. Chronischer Schmerz kann laut ihr im Grunde als eigenes Trauma verstanden werden, bei dem der Körper Opfer und Täter zugleich ist.
Auch Schmerzen gegenüber können wir uns, gerade wenn es sich um wiederkehrende oder dauerhaft präsente Schmerzen handelt, hilflos, ohnmächtig und ausgeliefert fühlen, da wir uns dem Körper als Verursacher nicht entziehen können.
Wir müssen den Schmerz, mit dem wir konfrontiert werden, aushalten. Zur Not in dem wir uns selbst „abschalten“ und dissoziieren. Eine Überlebensstrategie, die auch bei Traumata eine wichtige Rolle spielt.
Selbst weniger extreme Reaktionen auf chronische Schmerzen, wie etwa Übererregung (z.B. Angst, Unruhe, Anspannung) oder Untererregung (z.B. Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung) können für Betroffene sehr zermürbend sein. Denn sie beruhen auf einer Stressreaktion unseres autonomen Nervensystems, die wir nicht willentlich beeinflussen können.
Ebenso wenig wie die chronischen Schmerzen selbst, die inzwischen zweifelsfrei in Verbindung mit traumatischen Erfahrungen gebracht werden. Eine Erkenntnis, die auch von einer weiteren Studie bestätigt wird. Deren Autoren zufolge sind chronische Schmerzen das am häufigsten auftretende körperliche Symptom nach einer extremen Traumatisierung, ein Zusammenhang, der den wenigsten Menschen bekannt sein dürfte.
Trauma trifft Schmerz
Wie du siehst, kann der Umgang mit (chronischen) Schmerzen eine echte Herausforderung sein. Wer leidet auch gerne unter Schmerzen? Für traumatisierte Menschen können Schmerzen zu einer doppelten Herausforderung werden, denn bei Ihnen haben Körper und Gehirn bereits mit den Folgen des traumatischen Stresses zu kämpfen. Was anfälliger für Schmerzen macht.
Zusätzlich zur Art des erlebten Traumas spielt auch die räumliche Nähe der Verarbeitung von körperlichen und psychischen Schmerzen im Gehirn eine Rolle, wobei die Schmerzursache für das Gehirn zweitrangig ist.
Außerdem weiß man heute, dass chronischer Stress zu einer veränderten Schmerzwahrnehmung führt, weil er Änderungen im Hormonsystem hervorruft, und dass belastende zwischenmenschliche Erfahrungen ebenso schmerzhaft sein können wie körperliche Schmerzen.
Und manchmal reicht allein die Angst vor Schmerzen, um sie auszulösen. Wen wundert es da, dass das Erleben chronischer Schmerzen und die mit ihnen verbundene körperliche Stressreaktion von einigen Experten als eigenständiges Trauma gesehen wird. Ein Trauma kommt eben selten allein.
